Als ich letztens meinen Deutschunterricht für "meine Großen" vorebreitete, stolperte ich über verschiedene Tierartikel. Das eigentliche Thema war "Tiere in Afrika - Richtig schreiben". Neben Termiten, der Geschichte des Krüger Nationalparks, Elefantenbabys und Krokodilen ging es eben auch um Giraffen. Ich finde die Beschreibung der Giraffen aus dem Jahr 1865 zum einen sehr interessant, zum anderen amüsant. Also dachte ich mir, ich lasse euch daran teilhaben, denn immerhin gibt es auch hier in Kamerun zahlreiche Exemplare:
Alfred Edmund Brehm
Die Girafe (1865)
Auch unter den Wiederkäuern gibt es Gestalten, welche mit der jetzt lebenden Schöpfung gleichsam nicht mehr in Einklang zu bringen sind und an die märchenhaften Gebilde längst vergangener Erdentage erinnern: das auffallendste Thier von allen aber ist die Girafe. Der alte Horaz hat so unrecht nicht, wenn er dieses sonderbare Geschöpf "ein Gemisch von Panther und Kamel" nennt, und die viel später Lebenden waren sicherlich in ihrem Rechte, wenn sie die von den egyptischen Denkmälern herrührenden Abbildungen eines Ihnen wieder entfremdeten Thieres als Traumgebilde einer übermütigen Künstlerfantasie bezeichneten.
In der gegenwärtigen Schöpfung aber ist die afrkanische Girafe (Camelopardalis Girafa) der alleinige Vertreter der merkwürdigen Familie, welche durch den, alles gewohnte Maß überschreitenden, langen Hals, die hohen Beine, den dicken Rumpf mit abscüssigem Rücken, den zierlich gebauten, feinen Kopf, mit großen, schönen, klaren Augen und durch zwei sonderbare, mit Haut überkleidete Knochenzapfen gekennzeichnet ist. Die hohen Läufe und der lange Hals machen die Girafe zu dem höchsten und verhältnismäßig kürzesten aller Säugethiere.
Die Entfernung von der Schnauzenspitze bis zur Schwanzwurzel beträgt 13 Fuß, das GEwicht 10 Centner. [...] Der Leibesbau ist so merkwürdig, daß wir ihn noch besonders beschreiben müssen. Die Girafe ist gleichsam aus den Bestandtheilen verschiedener Thierleiber zusammengesetzt. Der Kopf und der Leib scheinen vom Pferd, der Hals und die Schultern vom Kamel, die Ohren vom Rind, der Schwanz vom Esel, die Beine von einer Antilope entlehnt zu sein, die Färbung und Zeichnung des glatten Felles endlich sind es, welche an der Panther erinnern. Eine solche Zusammensetzung kann nur Mißgesatltung des ganzen Thieres zur Folge haben, und wirklich wird Niemand die Girafe schön oder ebenmäßig nennen mögen. Der kurze Leib steht mit den hohen Beinen und dem langen Hals in keinem Verhältniß; der auffallend abschüssige Rücken muß nach allen kunstgerechten Begriffen häßlich genannt werden, und die ungeheure Höhe des Thieres trägt durchaus nicht zu seiner Zierde bei. Schön ist nur der Kopf, wundervoll das Auge, angenehm die Zeichnung: alles Uebrige ist auffallend und sonderbar.
Höchst eigenthümlich ist eine Stellung, welche das Thier annimmt, wenn es Etwas von dem Boden aufnehmen, oder wenn es trinken will. In vielen Beschreibungen wird behauptet, daß die Girafe zu diesem Ende auf die vorderen Fußwurzelgelenke (Knie) niederfalle. Dies ist aber falsch. Sie bewirkt die Erniedrigung ihres Vordertheils, indem sie beide Vorderläufe soweit aus einander stellt, daß sie bequem mit dem langen Halse auf den Boden herabreichen kann. Wer diese Stellung nicht selbst gesehen hat, hält sie geradezu für unmöglich, und ich habe deshalb unseren Zeichner, Herrn Kretschmer, gebeten, die Girafe des amsterdamer Thiergartens in der betreffenden Stellung aufzunehmen.
Überall hat man das auffallende Thier gern, überall freut man sich, es um sich zu haben. [...] Bei unserer Ankunft in Karkodji, einer Ortschaft am blauen Flusse, kam zuerst eine Girafe an unsere Barke, gleichsam in der Absicht, uns zu begrüßen. Sie ging vertraulich auf uns zu, trat dicht an unser Bot heran, fraß uns Brod und Durrahkörner aus der Hand und behandelte uns so freundlich, als wären wir ihre alten Bekannten.
Es ist ewig schade, daß die Girafe nicht ebenso brauchbar ist, wie ein Rind oder Schaf: sie wäre ein Hausthier, so liebenswürdig, wie kaum ein anderes!
(Quelle: Brehm, Alfred Edmund, 1865: Brehms Tierleben)
Sehr anschaulich, finde ich. Und beeindruckende Vergleiche. Ich muß gestehen, so habe ich die Giraffe wahrlich noch nicht betrachtet. Trotzdem muss ich Herrn Brehm etwas widersprechen, ich finde, die Giraffe ist ein schönes Tier :)
Voilà, in diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Start in die Woche :)


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen